Eine Art dermatologischer Halloween
Wenn es um Hautkrebs-Statistiken geht, waren Solariengegner noch nie sehr wählerisch. Nicht nur, dass man den vergleichsweise harmlosen “weissen Hautkrebs” mit dem gefährlicheren “schwarzen Hautkrebs” in einen Topf warf, um den Schockergrad zu erhöhen, man ließ auch bei den Zahlen selbst reichlich Phantasie walten.
Bei dieser beliebten Praxis scheint nun ein neuer Höhepunkt erreicht. Kürzlich überboten sich gleich zwei Repräsentanten der renommierten Berliner Charité mit statistischen Kunststücken. Den Vogel schoss dabei Prof. Eggert Stockfleth, Leiter des Hauttumorcentrums Charité, ab: Allen Ernstes behauptete er – und wiederholte das auch in einem Interview mit der WELT:
“Heute sucht jede zweite 14-Jährige einmal pro Woche ein Sonnenstudio auf.“
Mit einer Grenzverschiebung zur Horrorstatistik
Bei einer Pressekonferenz anlässlich eines Dermatologenkongresses in der Berliner Charité verdoppelte deren Direktor der Hautklinik, Wolfram Sterry, kühn die bisher gehandelten Schätzungen von 120-140.000 Neuerkrankungen pro Jahr auf stolze 250.000 - alles inklusive. Auch die Zahlen für den “schwarzen” Hautkrebs wurden großzügig - gegenüber den offiziell vom RKI veröffentlichten 14.900 auf 16.000 bzw. 20.000 “aufgerundet”.
Tatsächlich gibt es für den “weissen” Hautkrebs überhaupt keine verlässlichen Daten, da “die nichtmelanozytären Hautkrebse nur eine geringe Sterblichkeit haben, ist die Erfassung in bevölkerungsbezogenen Krebsregistern international noch nicht üblich. Die Datenlage ist daher eingeschränkt. In Deutschland liegen Daten zur Erkrankungshäufigkeit der nichtmelanozytären Hautkrebsarten nur aus wenigen bevölkerungsbezogenen Krebsregistern wie z. B. aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein vor.” (RKI)“
Diese eher schüttere Basis lässt Hochrechnungen bestenfalls bis zu den bisher gehandelten Zahlen (s.o.) zu. Woher also die plötzliche Verdoppelung? Ein Hinweis aus der Diskussion: Man hat hier kurzerhand die Vorformen von Hautkrebs. z. B. die Aktinische Keratose – bisher überhaupt nicht als solche gehandelt und erhoben – in die Statistik mit einbezogen.
Verschwiegen wird außerdem bei diesen Zahlenspielen wohlweislich, dass
Ein Gespenst über den Sonnenbänken: Ansturm der 14jährigen auf die Sonnenstudios
Wenn den Zahlen von Prof. Sterry zumindest noch eine, wie auch immer zweifelhafte, Plausibiliät zugebilligt werden muss, überschreiten die Behauptungen von Prof. Stockfleth die Grenzen zum Absurden. Eine kleine Nachrechnung macht das deutlich:
Prof. Stockfleth sagt:
50 Prozent von 844.000 14jährige (1,02% der deutschen Bevölkerung)
= 422.000 14jährige gehen mindestens einmal wöchentlich ins Sonnenstudio
Das macht 422.000 14jährige x 52 Wochen
= 21.944.000 Besuche/Jahr von 14jährigen in Sonnenstudios
Wenn wir um des Arguments Willen von einem Gesamtumsatz pro Besuch von 5 Euro (inclusive Kosmetik etc.) ausgehen, errechnet sich
€ 109.720.000 Gesamtumsatz in Sonnenstudios mit 14jährigen pro Jahr
Mit den 14jährigen machen die Sonnenstudios in Deutschland folglich ca 11% ihrer Umsätze.
Oder in anderen Worten:
Pro 14jährigem wird im Sonnenstudio das 10fache verdient im Vergleich zur übrigen Kundschaft.
Eine andere Rechnung
Studien des Deutschen Jugendinstituts und der Forschungszentrum Jülich weisen für die Altergruppe der 13-14jährigen einen Anteil an regelmäßigen (mindestens einmal/Monat – nicht Woche!) Solariennutzern (aller Art, nicht nur im Sonnenstudio) von unter 1% aus.
Wenn wir großzügig rechnen:
1% von 843.000 14jährigen ergeben
= 8.430 14jährige, die mindestens einmal monatlich eine Sonnenbank nutzen.
Sie geben dafür aus (Gesamtumsatz Sonnenbankbetreiber):
8.430 x 5 Euro
= € 42.150 Gesamtumsatz aller Sonnenbankbetreiber (inkl. Schwimmbad, Sauna etc.)
Seien wir wieder großzügig und rechnen sämtliche 14jährige SonnenbankbenutzerInnen den Sonnenstudios zu.
Dann fehlen uns an den angegebenen Werten von Prof. Stockfleth:
422.000 – 8.430
= 413.570 14jährige, die auf unerklärliche Weise verschwunden sind!
Diese Differenz wird sich in statistischen Fachkreisen als die
„Stockfleth-Lücke“
durchsetzen.
Und damit fehlen den Sonnenstudios in ihrem Jahresumsatz:
€ 109.720.000 – € 42.150
= € 109.677.850 Defizit aufgrund der verschwundenen 14jährigen
Diese Differnez wird in die Geschichte der Statistik als das
„Stockfleth-Defizit“
eingehen